Diakonischer Schwerpunkt

Alt trifft Jung – Jung trifft Alt:
Miteinander leben – Voneinander lernen

Durch die Unterbringung von Gymnasium und Hausgemeinschaften der Diakonie Gallneukirchen unter einem Dach, wird das Aufeinandertreffen verschiedener Generationen begünstigt. Es ergeben sich neue Lernfelder und –umgebungen für Schülerinnen und Schüler sowie Seniorinnen und Senioren. In dieser Umgebung ist es möglich den Wert des Sozialen zu verstehen, anzuerkennen und im Handeln umsetzen. So kann die junge Generation Haltungen wie Verantwortungsgefühl, Verantwortungsfreudigkeit und Hilfsbereitschaft  entwickeln und leben.

Beim diakonisch sozialem Lernen kommen Diakonie und Schule auf fruchtbare Weise zusammen. Es geht nicht nur darum, Wissen über Wurzeln, Anliegen und Formen von Diakonie zu erwerben, sondern praktische Erfahrungen an diakonischen Lernorten außerhalb des Klassenzimmers zu machen und diese zu reflektieren.

In folgenden Teilbereichen zeigt sich dieses Miteinander in unserer Schule:
*) Besuch der Hausgemeinschaften im Unterricht in verschiedenen Fächern in allen Jahrgangsstufe
*) Unverbindliche Übung Gelebte Diakonie–Geragogik (Dekoration zu den jahreszeitlichen Festen, Spielenachmittage, Gottesdienstbegleitung, Kuchen- und Keksebacken)
*) Praktikumswoche der 6. Klasse Gymnasium (Kennenlernen diakonisch sozialer Einrichtungen, Fächerübergreifendes Arbeiten – Bewerbungsschreiben, Beruf trifft Schule: 30 Stunden Mitarbeit, Praktikumsbericht)
*) Wahlpflichtfach „Geragogik-Andragogik – Der alte Mensch in unserer Gesellschaft“ (2jährig in 4 Modulen, maturafähig, Theorie und Praxisteil)

Aufgrund von Covid-19 sind Besuche in den Hausgemeinschaften zur Zeit leider nicht möglich. Da jedoch Alt und Jung die gegenseitigen Besuche vermissen, haben wir nach einer Alternative gesucht – und gefunden. Am 10. Juni startete die 1D gemeinsam mit Herrn Professor Waldek und Frau Prof. Müller einen ersten Versuch, ein Konzert auf der Terrasse der Hausgemeinschaften zu geben. Die Bewohnerinnen und Bewohner konnten von den Balkonen bzw. ihren Zimmerfenstern, dem Konzert beiwohnen. Leider hat uns das Wetter einen Strich durch die Rechnung gemacht, aber so leicht lässt sich die 1D nicht entmutigen. Ausgerüstet mit Regenjacke und Schirm sangen die Schülerinnen und Schüler zwei Lieder. Unglücklicherweise waren danach die Liedzettel so durchweicht, dass wir den Rückzug antreten mussten.

Beim 2. Versuch am 26. Juni hatten wir dann mehr Glück. Das Wetter war uns gnädig und wir konnten 4 Lieder vorführen. Einige Bewohner*innen konnten sogar auf die Terrasse kommen und mit gebührendem Abstand von dort aus die Darbietung verfolgen. Wir wünschen einen schönen Sommer und hoffen auf ein Wiedersehen im Herbst, dann aber hoffentlich wieder in der gewohnten Form. (Text, Video und Fotos: M. Müller)

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Gleich im September startete die unverbindliche Übung gelebte Diakonie. Um den Herbst entsprechend einzuläuten, war die erste Aktion der neuen (und teilweise erprobten) Akteure das Basteln einer neuen Herbstdekoration. Für mich immer wieder überraschend schnell haben sich auch jene Kinder, die zum ersten Mal in den Hausgemeinschaften zu Gast waren, in die neue Situation eingefunden und es entwickelten sich Gespräche, während die herzigen Igel, die ihren Wintervorrat anlegen aus buntem Papier gebastelt wurden.

Da der Winter nicht mehr lange auf sich warten lässt, begann im Oktober schon die Arbeit an der Advent- und Weihnachtsdekoration. Immer wieder gab es dazwischen auch Zeit zu plaudern, etwas vorzulesen oder auch einmal Mensch ärgere dich nicht zu spielen. Auch das Gestalten von Kerzen ist mittlerweile eine liebgewonnene Tradition geworden. Rechtzeitig vor dem Gedenkgottesdienst rund um Allerheiligen bei dem noch einmal besonders an alle Bewohner gedacht wird, die im letzten Jahr verstorben sind, kümmern sich die Teilnehmer der unverbindlichen Übung um ein Kerzenarrangement. In der letzten Woche vor dem 1. Adventsonntag ist es höchste Zeit die Adventkränze für alle drei Stockwerke der Hausgemeinschaft zu binden.
Diesen Vorweihnachtsduft verstärkten wir dann gleich bei unserem nächsten Besuch, bei dem wir mit den Bewohnerinnen und Bewohnern Vanillekipferln herstellten. Die Schülerinnen und Schüler formten gemeinsam mit den Seniorinnen Kipferln, die in allen verschiedenen Größen und Ausprägungen am Blech landeten.

Am 5. Dezember, dem Krampustag, versammelten wir uns im 5. Stock der Hausgemeinschaften um den Nikolo zu treffen und am vorletzten Schultag vor den Weihnachtsferien wurde noch für jedes Stockwerk ein Weihnachtsbaum geschmückt. Dank des Einsatzes des Zivildieners standen die Bäume schon mit Lichterketten versehen in ihren Ständern und wir konnten sofort mit dem Aufhängen des Schmucks beginnen.

Nicht zu vergessen sind natürlich auch die regelmäßigen Besuche der Seniorinnen und Senioren im Schulhaus zu erwähnen, nämlich immer dann, wenn Frau Prof. Wolf mit den Schülerinnen und Schülern das Kaffeehaus im Erdgeschoss der Schule „hervorzaubert“. Dann holen die Kinder die Kaffeehausbesucher aus den Hausgemeinschaften ab, begleiten sie hinunter in die Schule und servieren Kaffee, Kekse und Kuchen. Manchmal wird auch gesungen oder ein bisschen gerätselt. Fest steht, dass Spaß und Unterhaltung an erster Stelle stehen und diese Ausflüge immer einen fixen Platz im Terminkalender vieler Bewohner*innen haben.

Kaum zurück in der Schule musste die Weihnachtsdekoration sofort den Faschingsmasken und Girlanden weichen.

Gerade noch vor dem Shut down aufgrund des Corona Virus gelang es uns die Osterdekoration aufzuhängen. Für die folgende Woche war das Färben der Eier für die Osternester geplant, aber zu diesem Zeitpunkt durften wir die Hausgemeinschaften schon nicht mehr betreten und nach einer weiteren Woche wurde dann auch die Schule auf Homeschooling umgestellt.
In dieser Zeit versuchten wir mit Briefen die Bewohnerinnen und Bewohner der Hausgemeinschaft an unserem stark veränderten Leben teilhaben zu lassen und viele Schülerinnen und Schüler aus der 1D haben regelmäßig Briefe geschickt, durch die auch ich erfahren habe, was sie gerade machen, was sie beschäftigt und wie es ihnen geht. Natürlich können Briefe niemals den persönlichen Kontakt ersetzen, aber ein bisschen Freude und Abwechslung haben sie doch gebracht und hoffentlich können wir im nächsten Schuljahr unsere Besuche in gewohnter Weise fortsetzen. Nicht nur wir fehlen den Seniorinnen und Senioren, sondern auch umgekehrt.
(Text und Fotos: M.Müller)

Diakonisch-soziales Lernen ist eine pädagogische Reaktion auf die zunehmende Tendenz zu Individualisierung und Entsolidarisierung (soziale Verantwortungslosigkeit, Gewaltbereitschaft gegenüber Schwächeren). Ziel ist es, in einer Gesellschaft Haltungen zu entwickeln, die Defizite im sozialmoralischen Bereich abfedern. Sozialverpflichtende Werte werden häufig nicht mehr erlebt, so dass Unterricht um eine spezifische soziale Erlebnisdimension zu erweitern ist (schulische Inszenierung sozialer Lernarrangements). Für die SchülerInnen bedeutet dies eine Horizonterweiterung des bisherigen Erfahrungsraumes: die Erfahrung, dass es möglich ist, anders und unter anderen Bedingungen zu leben.
Soweit die Theorie. In unserer Schule, dem evangelischen Gymnasium und Werkschulheim in Wien, sieht die Praxis folgendermaßen aus:

Felix: „Wir am Evangelischen Gymnasium Simmering haben eine unverbindliche Übung, die bei uns ‚Gelebte Diakonie’ heißt. Ein Schwerpunkt liegt im Besuch der Hausgemeinschaften Erdbergstraße (Altenwohnheim der Diakonie), welche sich im selben Gebäudetrakt wie die Schule befinden. Die Schülerin-nen haben mit den Bewohnerinnen der Hausgemeinschaften in verschiedenen Gegenständen Kontakte wie z.B. Musik-erziehung und Bildende Kunst. Vom Gespräch zu zweit über Bastelnachmittage bis hin zu Cafehaus-Nachmittagen ist alles dabei. Unser Motto: Miteinander leben – voneinander lernen.”

Schulleitendes Bildungsziel aller Gegenstände ist das Er-reichen von Handlungskompetenz für die SchülerInnen. In evangelischer Perspektive meint dies einen Zusammenhang von Lernen, Wissen, Können: Wertbewusstsein und Hand-lungsfähigkeit unter dem Horizont sinnstiftender Deutung. Das Proprium dieser Bildung liegt in der Persönlichkeitsbildung. Diakonisch-soziales Lernen leistet einen genuinen Beitrag zur Ausbildung von personaler und sozialer Kompetenz.

Felix: „In den Hausgemeinschaften zu sein, ist jedes Mal aufs Neue schön, denn ich finde, es ist etwas Besonders mit den älteren Bewohnerinnen zu reden, zu basteln oder eine Runde ,Mensch Ärger dich nicht’ zu spielen und so ins Gespräch zu kommen. Das ist gerade für uns SchülerInnen interessant, denn so erfahren wir, wie das Leben, auch in der Schule, vor 50 Jahren aussah. Eine Frau erzählt gerne über die Geschichte von Wien, besonders über ihren Heimatbezirk Simmering. Das zeigt uns, was sich seit ihrer Jugend in einer der lebenswertesten Städte der Welt verändert hat. So wird Geschichte ‚lebendig’ und auch für uns leichter verständlich. Und an diesen Punkten kommt dann das Motto, welches auch zugleich der Schwerpunkt dieser unverbindlichen Übung ist, zum Vorschein: ‚Miteinander leben – voneinander lernen’.

Aber das Wichtigste neben dem Erfahrungsaustausch ist einfach, dass man eben mit den Bewohnerinnen spricht. Oft sind diese alleine und haben keine Verwandten mehr, oder wenn sie noch welche haben, kommen diese nur seiten vorbei und so haben auch die Bewohnerinnen jemanden zum Reden. Denn Einsamkeit im Alter ist das, was man wirklich niemandem wünscht. Auch wenn die Kommunikation nicht immer einfach ist, weil zum Beispiel die Person an Demenz erkrankt ist, geben wir unser Bestes, um sie glücklich zu machen. Jeden Monat treffen sich Menschen aus den unterschied-lichen Etagen im Cafehaus. Bei Kaffee und Kuchen kommen sie untereinander und mit den Schülerinnen ins Gespräch. Der andere Ort und die weniger bekannten Gesichter bieten eine gute Abwechslung.”

Diakonisches Lernen ist mehr als ein singulärer Prozess und muss deshalb in allen Klassenstufen in seinen Basis-elementen verankert werden. Diakonisches Lernen erfordert die ohnehin bildungspolitisch gewollte Öffnung von Schule (Lernen an außerschulischen Orten) und ermöglicht fächer-übergreifenden und fächerverbindenden Unterricht.
Diakonische Bildung als Persönlichkeitsbildung geht aus von der Menschenfreundlichkeit Gottes, wie sie in der Liebe Jesu zu den Menschen ihren Ausdruck findet, und dem Gebot der Nächstenliebe. Sie zielt auf die Ausbildung von Solidarität und bürgerschaftlichem Engagement. Dies beinhaltet auch die Reflexion über die Möglichkeiten der Gestaltung einer humanen und gerechten Gesellschaft und den individuellen Anteil daran. Auch dieser Aspekt des diakonisch-sozialen Lernens wird an unserer Schule im Wahlpflichtfach
Geragogik integriert. Hier können die Schülerinnen die ganze Dimension des „Alters erfassen. Die Anforderun¬gen an altersgerechte Architektur, an soziale Gesetzgebung, an Gesellschaft überhaupt werden ebenso behandelt wie neueste Erkenntnisse bezüglich Pflege oder dementieller Erkrankungen. Ergänzt wird dies durch ein Praktikum, ein Semester lang wöchentlich eine halbe Stunde eine Bewohnerin der Wohngemeinschaften unter einem selbst gewählten Aspekt zu besuchen. Das kann ein Gespräch, aber auch gezielt eine Gedächtnisübung oder Vorlesen sein.
Damit soll Engagement als Bindeglied der Gesellschaft von den Schülerinnen erkannt und soziale Sensibilität und die Be-reitschaft zu sozialer Verantwortungsübernahme geweckt werden. Soziale Sensibilität beinhaltet auch Reflexion der Ziele diakonisch-sozialen Lernens: Geht es um ein Individualisieren von Mitleid oder auch um das Verstehen genereller Strukturen? Diakonische Bildung gibt Anstöße für die Entwicklung eines Konzeptes für das eigene Leben. Es ermöglicht die Erfahrung: gebraucht zu werden und Hilfe zu brauchen, neue Perspektiven zu gewinnen und Vorurteile abzubauen, Fähigkeiten und Kompetenzen zu besitzen, die im außerschulischen Raum auch für andere bedeutsam sind. „Mensch-Sein” im ganzheitlichen Sinne zu erleben und an eigene Grenzen zu stoßen (sich als fragmentarisch zu erkennen und davon abgeleitet den anderen nicht von seinen Fehlern her zu sehen, sondern von seinen ausstehenden Möglichkeiten).
Die Begegnung mit menschlichem Leid – im weiten Sinne – ist der Ort fundamentaler Fragen nach dem, was das Menschsein und das Leben ausmachen und was das Leben aus dem Menschen macht. Eine Bewohnerin im letzten Stadium der Demenz zu erleben oder nach den Ferien den beliebten Herrn X nicht mehr vorzufinden, das sind Erfahrungen, die prägen und zum Leben dazugehören.

Diakonisches Lernen ermöglicht so mit anderen zu sich selbst zu kommen, voneinander zu lernen, anstatt lediglich Wissen übereinander zu bekommen. Leid konfrontiert mit der Frage nach Grund und Sinn. Die Erfahrungen im diakonisch-sozialen Lernen verweisen damit auf die Leitfragen des Religionsunterrichts und weisen dem diakonisch-sozialen Lernen eine Zentralstellung im Unterricht zu. (Felix, 6c und H. Wolf)